Dicke Dinger

21 Feb


awesomatik auf Buchfühlung

Meine Mutter hatte früher einen Spielzeugladen, der zu meinem Leidwesen hauptsächlich pädagogisch wertvolle Spielwaren (aus Holz!) im Angebot hatte. Während alt-68er Mütter dort voll auf ihre Kosten kamen, träumte ich von He-Man,  Star Wars und Gameboys. Zum Glück waren auch französische Bücher und Comics im Angebot. Über eine Tür war der Laden mit einem anliegenden Antiquitäten-Geschäft verbunden. So kam ich nach der Schule meistens in den Laden schnappte mir ein paar Comics von Spirou & Fantasio, Gaston, Asterix, Yoko Tsuno oder Cousteau und machte es mir in einem antiken Sessel gemütlich.

Wenn wir bei meiner Familie in Paris zu Besuch waren, war mein liebster Ort die Comic-Abteilung der Fnac im “Forum des Halles”. In Frankreich wird die Comic-Kultur im Gegensatz zu Deutschland richtig gefeiert. Dort werden z.B. die aktuellen Erscheinungen von XIII, Largo Winch oder Thorgal angekündigt wie Blockbuster mit Werbung auf Bussen und Häuserwänden. Das wäre hier undenkbar. Außerdem haben die meisten Comics einen vernünftigen Einband und sind nicht so lieblos zusammengeschustert wie hier. So!
Das nur zu meinem Comic-Background. Mittlerweile bin ich offiziell aus dem Comic-Alter raus. Dafür darf ich jetzt Graphic-Novels lesen ;o)

Die obengenannten möchte ich kurz vorstellen. Die haben eigentlich nicht viel gemeinsam, außer dass beide über 500 Seiten lang und in schwarz-weiß sind.

From Hell – Alan Moore & Eddie Campbell

Dieser Schinken über Jack the Ripper und den “Autumn of Terror” ist wohl alles andere als ein Geheimtipp. Geschrieben vom legendären Alan Moore (Watchmen, Swamp Thing) mit phänomenalen Zeichnungen von Eddie Campbell (Alec), ist “From Hell” die Geschichte vom ersten medial gehypten Serienkiller. Hunderte von Büchern wurden schon zu diesem Thema verfasst aber die Faszination ist ungebrochen, weil die Identität des Mörder bis heute nicht gelüftet werden konnte. Jeder Autor hat seine eigene Theorie.

So portraitiert Alan Moore den Ripper nicht als Serienkiller sondern als Auftragsmörder mit Freimaurer-Hintergrund und psychotischer Störung. Aus einer Vielzahl an Quellen rekonstruiert er minutiös die schrecklichen Ereignisse des Herbstes von 1888. Dabei greift er auf die eigene Phantasie nur dann zurück, wenn das Quellmaterial lückenhaft ist. So entsteht eine komplexe Geschichte, die trotz königlicher “Verschwörung” zu keiner Zeit unrealistisch wirkt.

Wenn die Geschichte schon gut recherchiert, authentisch und spannend ist, so sind die Zeichnungen ein echtes Meisterwerk. Mit einem beeindruckenden Gespür für Atmosphäre erweckt Eddie Campbell das düstere viktorianische London zum Leben. Mal sehr detailliert, mal vage ziehen einen die schraffierten Zeichnungen hautnah in die dreckigsten Ecken des East Ends. Besonders faszinierend dargestellt fand ich die Visionen vom Ripper. Auch nach Beendung der Lektüre kann man noch lange in dem Werk herumblättern und sich an den Bildern erfreuen.
Ein kleiner Makel, der in der Natur der Geschichte liegt, ist die Tatsache, dass die Identität des Rippers dem Leser schon ziemlich früh bekannt ist und somit als Spannungsbogen wegfällt. Außerdem hätte ich mir gewünscht, dass die Informationen aus dem Appendix in anderer Form beigefügt worden wären. Die Unterteilung in Kapitel führt zu einer Beeinträchtigung des Leseflusses, da die Literaturnachweise sich ständig wiederholen. Ein separates Nachweisregister wäre besser gewesen. 

Fazit
Dennoch ist und bleibt “From Hell” zu Recht ein echtes Meisterwerk, das mit der Geschichte von Jack the Ripper auch den Zeitgeist des 19. Jahrhundert und die Geburt des 20. Jahrhunderts einfängt. Großartig erzählt und meisterhaft gezeichnet.

Bewertung 4/5

1. Geht gar nicht     2. Is OK     3. Gut    4. Richtig gut    5. awesomatik!

awesomatik Kuriosum
Kein zeitloser Klassiker ist dagegen definitiv die Verfilmung der Hughes Brothers(dann doch lieber “Menace II Society” oder “Dead Presidents”):


Und für alle Ripperologen da draußen gibt es diese Webseite.

Collected Essex County – Jeff Lemire
Der zweite Wälzer kommt vom gefeierten kanadischen Comic-Künstler Jeff Lemire (Sweet Tooth) und besteht aus den drei Bänden “Tales from the Farm”, “Ghost Storys” und “Country Nurse”.

Jeff Lemire erzählt die Geschichten der Menschen aus dem ruralen Essex County. Vom jungen Lester, dessen Eltern beim Autounfall gestorben sind und der sich in eine Superheldenrealität flüchtet. Von den Lebeuf-Brüdern, die die geliebte Heimat für eine Eishockey-Karriere in der Großstadt verlassen und sich nach und nach voneinander entfremden und von der Krankenschwester, die mit ihrer Arbeit die Wunden einer ganzen Siedlung ans Licht bringt.
Die Handlungsstränge sind elegant miteinander verwoben und zeichnen nach und nach das Bild der Essex County Community. Ein wiederkehrendes Thema in allen Geschichten ist der kanadische Nationalsport Eishockey als Sinnbild für Lebenskraft in der eisigen Natur. Dies alles wird mit leisen Tönen und viel Liebe für die Charaktere erzählt. Die sehr einfachen Zeichnungen (im, wie ich finde, typischen Indie-Comic Stil) runden das Ganze schön ab. Die Melancholie der Protagonisten verleiht dem Comic, eine gewisse Tiefe, die zwar einerseits durch die Schicksale gerechtfertigt ist aber anderseits auch gelegentlich etwas extrem wirkt, wenn sie permanent dreinschauen wie drei Tage Regenwetter (hartes Landleben hin oder her).

Im Gegensatz zu “From Hell” gibt es hier sehr wenig Text und wenig Bildfenster, so dass man das Buch locker in einem Nachmittag durchlesen kann (Für Ersteres habe ich eine Woche gebraucht!).
Die Lesegeschwindigkeit steht dabei im krassen Gegensatz zu der Behäbigkeit der Handlung, was mich leicht irritiert hat. Die ist nämlich hoch emotional und verläuft über einen Zeitraum von mehreren Generationen. Aber eh man sich richtig eingelesen hat, ist auch schon wieder Schluss und das trotz der gut 500 Seiten. Hätte ich mir nur einen Band gekauft, wäre ich wahrscheinlich enttäuscht gewesen aber als Sammlung inklusive Bonusgeschichten war es ein zufriedenstellendes Leseerlebnis.

Fazit
Es gibt also eigentlich nichts zu bemängeln. Eine leise und sympathische Geschichte, die mit einfachen Worten und Bildern viel erzählt. Ob die ganzen Preise und die Bezeichnung “essential canadian novel of the decade” gerechtfertigt sind, soll jeder für sich selbst entscheiden.

awesomatik Kuriosum
“Essex County” wird von John Dykstra unter dem Titel “Super Zero” verfilmt.

Amazon Partnerlinks

From Hell
The Complete Essex County

About these ads

Eine Antwort zu “Dicke Dinger”

Trackbacks/Pingbacks

  1. awesomatik Books 2012 « awesomatik - 29. Dezember 2012

    [...] Essex County – Jeff Lemire Sympathische Geschichte. Nicht mehr. Nicht [...]

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

Follow

Bekomme jeden neuen Artikel in deinen Posteingang.

Schließe dich 248 Followern an

%d Bloggern gefällt das: