awesomatik auf Buchfühlung
Die Beschissenheit der Dinge – Dimitri Verhulst
Dimitri wächst bei seiner Großmutter in dem flämischen Dorf Reetveerdegem auf, zusammen mit seinem Vater und drei Onkeln. Die Familie Verhulst ist im Dorf für ihre legendäre Trinkfestigkeit bekannt. Sozialamt, Kneipe, Küche und Klo sind die Eckpfeiler ihres Daseins, und sie sind stolz darauf. Doch das Schicksal scheint für Dimitri andere Pläne zu haben…
Der Roman hält definitiv, was der (großartige) Titel verspricht. Viel beschissener kann man sich eine Jugend nicht vorstellen. Sehr plastisch beschreibt Verhulst die ganze Abartigkeit seines Heranwachsens. Das Leben in einer Bruchbude mit Plumpsklo zwischen stinkenden Messis mit Hang zu exzessivem Alkoholkonsum. Arbeitslose Randexistenzen, deren Interesse sich auf Radsport (gucken), Saufspiele und die Verehrung von Roy Orbison beschränkt.
awesomatik auf Buchfühlung
Fleisch ist mein Gemüse – Heinz Strunk
Als Mitglied der Showband „Tiffanys“ verbringt Heinz Strunk seine Jugend auf zweitklassigen Hochzeiten und schäbigen Schützenfesten. Sein Pech an den heimischen Glücksspielautomaten verhilft ihm leider nicht zum sprichwörtlichen Glück in der Liebe. Durch schwere Akne gezeichnet, flüchtet er sich in Alkohol und zwanghafte Masturbation.
Ich erinnere mich noch als vor zehn Jahren im Zusammenhang mit Autoren wie Benjamin von Stuckrad-Barre, Christian Kracht und Alexa Henning von Lange der Begriff „Popliteratur“ die Runde machte. Seit dem schwimmen viele neue Autoren in popliterarischen Gewässern. Mal harmloser (Wladimir Kaminer) mal provokativer (Charlotte Roche). In knapper Prosa werden Themen, wie Drogenkonsum, Musik, reisen und Popkultur behandelt. Dabei ist der Ton häufig ironisch bis hämisch. Auch Heinz Strunk würde ich hier verorten. Mit “Fleisch ist mein Gemüse” ist ihm die besonders schöne Momentaufnahme einer trostlosen Jugend in Norddeutschland gelungen.
Für mich als Berliner war dieses Buch ein besonders schauriges Lesevergnügen, weil Strunk hier alles beschreibt, wovor sich der Großstädter gruselt. Schützenfeste, Schlager und Karneval. Das Provinzleben in ungeschönter Härte: spießige Bandkollegen, latenter Rassismus, hochgeklappte Bürgersteige, schunkeln, saufen, fressen, grölen… Was im echten Leben der reale Horror ist, wird in verschriftlicher Form zur erstklassigen Unterhaltung. Schonungslos zerrt Strunk die Niederungen der deutschen Spaßkultur ans Licht.
Bitterböse zieht er über engstirnige Karrieristen und spielsüchtige Verlierer her, macht aber mit seiner kritischen Analyse auch nicht vor seinen eigenen Defiziten halt. Im Gegenteil. Intimste Peinlichkeiten werden ungerührt preisgeben und körperliche und gesundheitliche Mängel detailliert beschrieben.
Neben diesen unglaublich komischen Episoden, schlägt Strunk auch mal leisere, gerade zu poetische Töne an, wenn es um seine kranke Mutter geht. So vergehen im Roman zehn ereignisarme Jahre, in denen en passant noch das Lebensgefühl einer gesamten Generation zum Ausdruck gebracht wird.
Fazit Wenn ein Buch extrem unterhaltsam ist, obwohl so gut wie nichts passiert, dann spricht dass für das Talent des Autors. „Fleisch ist mein Gemüse“ ist aber noch mehr als reine Komik auf Kosten von Dorfproleten. Trotz des Hohns und der Gehässigkeit kommt am Ende fast so etwas wie Dankbarkeit und Liebe für das Mucker Milieu durch. Geradezu versöhnlich blickt Strunk am Ende auf seine zehn Jahre im Tanzmusikgeschäft zurück. Tristesse royale. Brutal ehrlich, witzig, gut! Lesen!
Wertung 4/5
1. Geht gar nicht 2. Is OK 3. Gut 4. Richtig gut 5. awesomatik!
awesomatik Kuriosum Hier noch der Trailer zur Romanverfilmung. Habe selbst den Film nicht gesehen. Wirkt auf den ersten Blick etwas entschärft und harmlos. Der Hauptdarsteller ist mir auch zu schön.